Stadtkapelle Wiesloch

Muttertagskonzert der Stadtkapelle Wiesloch

Wiesloch - Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass das, was hier in Wiesloch auf kulturellem Sektor geboten wird, an Unterhaltungswert dasjenige übertrifft, was man im Fernsehen mit viel Aufwand an Stars und Effekten zu erzielen sich bemüht. (An diesem Abend wurde die Television übrigens köstlich zitiert und ein wenig auf die Schippe genommen.) Das hat vielerlei auf der Hand liegende Gründe. Einer von ihnen ist allerdings der, dass gerade unter dem Einfluss des Fernsehens die lokalen Darbietungen immer professioneller, d. h. immer gekonnter werden.

Man gibt sich nicht mehr mit Halbheiten zufrieden und hat daneben den großen Vorteil der Bodenständigkeit und Ortsverbundenheit. Es wirken ja in aller Regel Verwandte und Bekannte bei den Aufführungen mit. Ein anderes Thema sei bei der Gelegenheit angesprochen: Jeder kennt die große zweifache Verlegenheit  anlässlich des Muttertags: Was darf ich als Mutter vernünftigerweise von den Kindern an diesem Tag erwarten? - Und auf Seiten  der Kinder: Was schenke ich und wie werde ich mein permanent schlechtes Gewissen los?  Eine Eintrittskarte zu einem solchen Vollblut- Muttertagskonzert  wie dem der Wieslocher Stadtkapelle, (vielleicht mit anschließendem kulinarischen Ausklang bei einem guten Wein) ist doch die ideale Lösung!



 An Plakathinweisen hat es nicht gefehlt, und die Allianz zwischen der Stadtkapelle und dem Winzerkeller ist auch längst geknüpft. Was will man noch mehr? Die Mitglieder der Jugendstadtkapelle unter der Leitung von Karin Seibel werden die kommenden Nutznieser der erfreulichen Gesamtentwicklung sein. Man erreicht mit den eigenen kleinen Füßchen noch lange nicht den Boden, sitzt aber bereits wie ein „alter Hase“ auf einem Konzertstuhl vor dem Notenpult und erzeugt z. B. mit einer Piccoloflöte richtigen Orchesterklang! Dazu kam diesmal ein äußerst rühriges Schlagwerk dreier junger Solisten im ersten Konzertabschnitt! Donnerwetter, denkt der Zuhörer bzw. Zuschauer beim  Marsch der Priester aus Mozarts Zauberflöte, den Flintstones mit kurzem Gesangseinwurf, den Turkey Drumsticks und Dr. Rockensteins Gruselmusik.

Welturaufführung
Beim Auftritt der Stadtkapelle unter dem eingefuchsten Harald Weber kommt dann das große „Wow!“ - was für ein Gesamtklang! Josef Jiskras Eingangsmarsch mit Fanfarenklängen und dem wenig aussagekräftigen Titel „online“ wirkt noch traditionell, besitzt aber wohlige Saxophonpassagen und große Lebendigkeit. Überdies spielte die Weinkönigin Nicole mit Krönchen und Dirndl auf ihrem Kontrafagott mit. Was könnte da noch fehlen? -  Allenfalls eine komponierende Frau. Hier ist sie auch schon: Julie Groux mit ihrer Reise durch den Orion. Ob nun ihre Musik das Außergewöhnliche erfasst  -  die Schwerelosigkeit im All, das Wandern zwischen Zeiten und Räumen und den Meteoritenhagel? Wir meinen - ja. Fehlt am Ende doch noch etwas? – Natürlich - eine Welturaufführung! Der anwesende erfolgreiche böhmische Musikpädagoge und Komponist Josef Jiskra beeindruckte mit dem Jäger aus Kurpfalz (Venatio Palatina). Dieses rhapsodische Fantasiestück über das bekannte Thema ist so fein durchkonstruiert, dass es umsichtig gepflegt und erhalten sein will. Freilich dürfen die Chinesen  ruhig dank der anstehenden Repräsentantenreise des Winzerkellers demnächst erfahren, welchen Wein und welche Musik man in Wiesloch macht. Schöne Musik auch bei „Band of Brothers“ von Michael Kamen. Es ist die Musik derer, die nach vielen Blutopfern im Zweiten Weltkrieg die Sieger blieben. Mit Musik aus „Mary Poppins“ vertrieb die Stadtkapelle anschließend die leise Trauer über das Vergangene.

Gastauftritt
Um das Maß der Darbietungen wirklich gerüttelt voll zu machen, trat nun die vollkommen ebenbürtige Stadtkapelle der großen Kreisstadt Fellbach (gegr. 1891) als Gast der Wieslocher mit ihren herrlichen Basstuben unter der energetischen Leitung von Axel Berger auf. (Am Vortage hatte man übrigens gemeinsam in Fellbach musiziert.)  Die Leute sind überwiegend jung, sehr gut, und können einiges riskieren, so z. B. den 32 fachen Taktwechsel bei „Viva Musica“ von Alfred Reed! Es folgten u. a. das überlegene „Where Eagles soar“ (Wo die Adler fliegen) von Steven Reineke und der Dauerbrenner für alle Zirkusverehrer - ein Stück, das sofort in den Sinn kommt, wenn man ein Zirkuszelt betritt und und den Manegengeruch wahrnimmt: „Zirkus Renz“ von  Gustav Peter. Der Solist Heiko Hörte spielte es unter stürmischem Beifall gleich zweimal auf dem Xylophon. Den Abschluss konnten die vereinten Kapellen nur stehend ohne Bestuhlung bewältigen: den Präsentiermarsch des Leib-Kürassier-Regiments des Cuno Graf v. Moltke. Beim leisen „Thank you for the music“ gab es  dann wechselseitige Dankesworte, Ehrungen und Präsente. Die sehr gute Conference lieferten die Oboistin  Sandra Goldschmidt und ein junges männliches Mitglied der Fellbacher, das ein ungezwungenes Hochdeutsch beherrschte. Schlussüberraschung war ein ohne jegliche Instrumente von den beiden Kapellen „gespieltes“ Gewitterstück von Gerhard Reiter. Es scheint, als seien ihnen an Können, Witz und Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt.


kob